Was Urteile, 15 Senatsantworten und aktuelle Adler-Aussagen über die Ursachen der jahrelangen Verzögerungen zeigen
Sechs Jahre Verzögerungen am Steglitzer Kreisel – waren Finanzierungsschwierigkeiten und die Komplexität des Bauvorhabens die maßgeblichen Ursachen?
Der AfD-Bezirksverordnete Peer Döhnert hat auf unseren bisherigen Faktencheck inzwischen mit einer eigenen Replik unter dem Titel „Steglitzer Kreisel: Faktencheck oder Framing?“ reagiert. Darin setzt er sich mit unserer bisherigen Einordnung auseinander und formuliert zugleich eine Erklärung für die Entwicklung des Projekts.
Peer Döhnerts Replik „Steglitzer Kreisel: Faktencheck oder Framing?“
Döhnert schreibt:
„Finanzierungsschwierigkeiten, erhebliche Verzögerungen bei einem hochkomplexen Bauvorhaben oder selbst das spätere Scheitern eines Projekts sind nicht dasselbe wie der Nachweis, dass ein Investor von Anfang an mit Täuschungsabsicht gehandelt hat.“
Der Grundsatz dahinter ist richtig: Finanzielle Schwierigkeiten, Bauverzögerungen oder das spätere Scheitern eines Immobilienprojekts beweisen für sich genommen keine von Anfang an bestehende Täuschungsabsicht.
Doch damit stellt sich eine andere Frage:
Sind ausgerechnet „Finanzierungsschwierigkeiten“ und die „Hochkomplexität“ des Bauvorhabens als maßgebliche Ursachen für den jahrelangen Verlauf des Steglitzer Kreisels tatsächlich dokumentiert?
Wir stellen Döhnerts Erklärung deshalb nicht einer Gegenmeinung gegenüber, sondern den damaligen Projektunterlagen, den rechtskräftigen Gerichtsentscheidungen, 15 Schriftlichen Anfragen von Dr. Kristin Brinker samt amtlichen Antworten – und den jüngsten Aussagen der Adler-Seite aus der Gerichtsverhandlung vom 24. August 2026.
2018: Das Projekt war detailliert durchgeplant
Die zeitgenössischen Unterlagen zeigen zunächst kein Projekt, dessen weitere Entwicklung technisch oder zeitlich völlig unkalkulierbar gewesen wäre.
Bereits 2018 lag eine detaillierte Terminplanung der damaligen CG Gruppe vor.
Vorgesehen waren unter anderem die Rohbaufertigstellung im November 2019, weitere Fassaden- und Ausbauarbeiten 2020 und 2021, die Bezugsfertigkeit im dritten Quartal 2021 und die vollständige Fertigstellung im vierten Quartal 2021.
Natürlich können sich Bauzeitenpläne ändern.
Relevant für die heutige Diskussion ist aber: Das Vorhaben wurde damals als konkret durchgeplantes und zeitlich strukturiertes Bauprojekt präsentiert.
2019: „Die Rohbauarbeiten haben bereits begonnen“
Auch gegenüber den Käufern wurde das Projekt Anfang 2019 keineswegs als noch ungeklärtes Vorhaben dargestellt.
In einer Käuferinformation vom 11. Februar 2019 erklärte die CG Gruppe, der Rückbau der Bestandsfassade sei „in vollem Gange“. Die Rohbauarbeiten hätten bereits begonnen, im Gebäude liefen Stahlbauarbeiten und im 13. Stock würden Musterwohnungen eingerichtet. Auch für das Parkhaus wurde ein konkreter Baubeginn angekündigt.
Das Projekt bestand also nicht nur auf dem Papier.
Planung und Bau hatten begonnen.
Damit stellt sich rückblickend eine wichtige Frage:
Welche konkrete technische Herausforderung führte wann dazu, dass dieses bereits begonnene und detailliert terminierte Projekt anschließend über Jahre nicht fertiggestellt wurde?
2020: Trotz Verzögerungen erneut ein präziser Fahrplan bis 2024
Besonders aufschlussreich ist ein Investor Call von Consus Real Estate vom 5. November 2020.
Zu diesem Zeitpunkt war der ursprüngliche Zeitplan bereits überholt. Trotzdem wurde erneut ein detaillierter Projektfahrplan vorgestellt.
Vorgesehen waren unter anderem die Fertigstellung des Rohbaus im vierten Quartal 2022, der Beginn des Innenausbaus ab dem zweiten Quartal 2022, die Bezugsfertigkeit ab dem ersten Quartal 2023 und die endgültige Fertigstellung im zweiten Quartal 2024.
Auch nach Eintritt erheblicher Verzögerungen wurde das Projekt damit weiterhin als planbar und mit konkreten Meilensteinen versehen präsentiert.
Für Döhnerts heutige Erklärung ist das relevant:
Wenn gerade die außergewöhnliche Komplexität des Bauvorhabens die jahrelangen Verzögerungen erklären soll, warum kommunizierte die Projektseite selbst noch Ende 2020 einen so detaillierten Fertigstellungsfahrplan?
Die wechselnden Aussagen zu Projektstatus, Fertigstellung und weiterer Entwicklung haben wir bereits ausführlicher dokumentiert:
Steglitzer Kreisel: 5 Jahre Zusagen, Rückzieher und neue Widersprüche der Adler Group
Was wurde später vor Gericht als Hindernis vorgetragen?
Auch die rechtskräftigen Gerichtsentscheidungen sind für die Ursachenfrage aufschlussreich.
Im Verfahren vor dem Landgericht Berlin beriefen sich die Projektgesellschaften unter anderem auf veränderte Miteigentumsanteile, angeblich erforderliche Mitwirkungshandlungen des Käufers, eine nicht unterzeichnete Nachtragsvereinbarung und eine behauptete Unmöglichkeit bestimmter vertraglicher Leistungen.
Eine konkret nachgewiesene Finanzierungslücke des Steglitzer-Kreisel-Projekts erscheint in der gerichtlichen Darstellung dagegen nicht als tragende Ursache der Nichterfüllung.
Das Landgericht bestätigte konkrete Verpflichtungen aus dem bestehenden Bauträgervertrag. Die Berufung hiergegen blieb erfolglos.
Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Die Gerichte haben damit nicht abschließend festgestellt, dass das gesamte Hochhaus technisch und wirtschaftlich problemlos fertiggestellt werden könne. Sie haben jedoch konkrete Unmöglichkeitseinwände der Projektgesellschaften nicht durchgreifen lassen.
Die gerichtliche Entwicklung und die anschließende Vollstreckung haben wir hier ausführlicher dokumentiert:
Kammergericht: Ein „kompliziertes Procedere“ ist noch keine Unmöglichkeit
Besonders interessant ist die Argumentation des Kammergerichts.
Die Projektgesellschaften machten geltend, die vertraglich geschuldeten Miteigentumsanteile könnten nicht mehr hergestellt werden.
Das Kammergericht erklärte hierzu:
„Warum sich hieraus die Unmöglichkeit einer Neubildung der Miteigentumsanteile ergeben soll, erschließt sich dem Senat nicht.“
Das Gericht räumte ein, dass die Herstellung des geschuldeten Zustands ein „kompliziertes Procedere“ erfordern könne. Eine rechtliche oder tatsächliche Unmöglichkeit folge daraus jedoch nicht.
Dieser Punkt sollte nicht mit Döhnerts „hochkomplexem Bauvorhaben“ vermischt werden.
Ein kompliziertes wohnungs- und grundbuchrechtliches Verfahren zur Wiederherstellung bestimmter Miteigentumsanteile ist etwas anderes als die Frage, warum der eigentliche Umbau des Hochhauses über Jahre nicht vorankam.
Auch die angeblich fehlenden Bankzustimmungen waren zunächst nur „Spekulation“
Im Berufungsverfahren wurde außerdem geltend gemacht, erforderliche Zustimmungen anderer Eigentümer und finanzierender Banken würden voraussichtlich nicht zu erhalten sein.
Das Kammergericht wies darauf hin, dass entsprechende Versuche noch gar nicht unternommen worden waren. Die Annahme, diese Zustimmungen seien mit Sicherheit nicht zu bekommen, beruhe daher lediglich auf „Spekulation“.
Daraus folgt nicht, dass es niemals Finanzierungsprobleme gegeben haben kann.
Aber auch hier gilt:
Ein konkret nachgewiesenes, unüberwindbares Finanzierungshindernis wurde in diesem Verfahren nicht festgestellt.
15 Anfragen von Kristin Brinker – und was die Behörden tatsächlich dokumentierten
Noch aufschlussreicher ist die parlamentarische Chronologie.
Die AfD-Abgeordnete Dr. Kristin Brinker stellte zwischen September 2022 und Juli 2026 insgesamt 15 Schriftliche Anfragen zum Steglitzer Kreisel.
Bemerkenswert ist, dass gerade ihre parlamentarische Arbeit einen umfangreichen amtlichen Quellenbestand liefert, anhand dessen sich Döhnerts heutige Einordnung überprüfen lässt.
2022: Verzögerungen – aber keine festgestellte Finanzierungskrise
In der ersten Anfrage wurden Arbeiten an der Stahlkonstruktion und statische Kontrollen dokumentiert. Eine Verzögerung von neun bis zehn Monaten wurde genannt.
Schriftliche Anfrage I – 19/13142
In der zweiten Anfrage stellte der Bezirk klar, dass diese Angabe zur Verzögerung vom Bauherrn selbst stammte.
Schriftliche Anfrage II – 19/13634
Ende 2022 erklärte der Bezirk schließlich, ihm lägen keine neuen Mitteilungen oder Erkenntnisse bezüglich der eingetretenen Bauverzögerungen vor.
Schriftliche Anfrage III – 19/13923
Eine konkrete Finanzierungsschwierigkeit des Projekts wurde in diesen Antworten nicht als Ursache festgestellt.
2023: Technische Arbeiten – aber weiterhin konkrete Bauzeitenpläne
2023 lag erneut ein aktualisierter Bauzeitenplan vor.
Dokumentiert wurden unter anderem statisch erforderliche Arbeiten und Untersuchungen an der Stahlkonstruktion.
Schriftliche Anfrage IV – 19/15287
Auf die Frage nach weiteren Verzögerungen antwortete das Bezirksamt später lediglich, „viele Gründe“ hätten bislang für Verzögerungen gesorgt.
Welche Gründe das im Einzelnen waren, wurde nicht konkretisiert.
Schriftliche Anfrage V – 19/15962
Auch hier findet sich weder eine behördlich festgestellte Finanzierungslücke noch eine pauschale Erklärung des jahrelangen Stillstands mit der „Hochkomplexität“ des Hochhausumbaus.
2024: Ausschreibungen, Auftragnehmer, ruhend gestellte Verfahren – und Verkaufsabsichten
Anfang 2024 dokumentierte die parlamentarische Antwort erneut geänderte Bauzeitenpläne, noch laufende Ausschreibungen und Vergaben sowie lediglich begrenzte Arbeiten am Turm.
Besonders bemerkenswert: Genehmigungsverfahren für Teile des Projekts waren vom Bauherrn selbst ruhend gestellt worden. Gleichzeitig standen Verkauf beziehungsweise Teilverkauf des Projekts im Raum.
Schriftliche Anfrage VI – 19/17837
Die nächste Anfrage dokumentierte mehrere Gespräche zwischen Adler, Bezirk und Bauaufsicht.
Schriftliche Anfrage VII – 19/18138
Besonders interessant ist Anfrage VIII.
Noch Anfang 2024 kommunizierte Adler selbst erneut einen konkreten Fertigstellungshorizont: Wohnungsübergaben sollten Ende 2024 erfolgen, die Fertigstellung des Ensembles Anfang 2025.
Gleichzeitig wurde berichtet, dass längere Zeit nach einem Auftragnehmer für statische Ertüchtigungsarbeiten gesucht worden war.
Schriftliche Anfrage VIII – 19/18392
Das dokumentiert eine konkrete Schwierigkeit.
Es ist aber nicht dasselbe wie die Aussage, die gesamte jahrelange Verzögerung sei Folge eines außergewöhnlich komplexen Bauvorhabens gewesen.
Auch im Juni 2024 bestand die Baugenehmigung für die Wohnnutzung weiterhin.
Schriftliche Anfrage IX – 19/19406
Weitere Baustellenkontrollen dokumentierten anschließend Arbeiten am Gebäudekern, an Stahlkonstruktion, Schraubverbindungen, Schächten und Korrosionsschutz.
Die technischen Probleme waren damit konkret benannt – und wurden zumindest teilweise bearbeitet.
Schriftliche Anfrage X – 19/20326
Beim Parkhaus wurden Ende 2024 wiederum ausdrücklich personelle Engpässe im Bezirksamt als Grund für Verzögerungen bei der Bearbeitung genannt.
Schriftliche Anfrage XI – 19/20974
Auch das zeigt: Die dokumentierten Verzögerungsursachen waren vielfältiger als eine einfache Formel aus Finanzierung und Baukomplexität.
2025: Jetzt taucht die wirtschaftliche Lage der Adler Group ausdrücklich auf
2025 wurde für das Parkhaus erneut eine Abgeschlossenheitsbescheinigung beantragt.
Nach Angaben des Bezirks waren die damals vorgelegten Planungsunterlagen identisch mit den ursprünglich eingereichten Planungsunterlagen.
Schriftliche Anfrage XII – 19/23235
Erst in der 13. Anfrage wird ausdrücklich die wirtschaftliche Situation der Adler Group thematisiert.
Der Senat erklärte, ihm sei aus der Presseberichterstattung die wirtschaftlich schwierige Lage der Adler Group und die Absicht zum Verkauf bekannt.
Schriftliche Anfrage XIII – 19/24201
Das ist für Döhnerts heutige Erklärung wichtig.
Denn eine schwierige wirtschaftliche Lage des gesamten Adler-Konzerns ist nicht automatisch der Nachweis, dass konkrete Finanzierungsschwierigkeiten des Steglitzer-Kreisel-Projekts seit 2020 die wesentliche Ursache des jahrelangen Stillstands waren.
Gerade diese Unterscheidung ist für Döhnerts heutige Formulierung wesentlich.
2026: Die vielleicht wichtigste Senatsantwort
In ihrer 14. Schriftlichen Anfrage stellte Kristin Brinker schließlich genau die Frage, die für den heutigen Faktencheck besonders relevant ist.
Sie fragte, welche rechtlichen, tatsächlichen, wirtschaftlichen oder verwaltungspraktischen Hindernisse einer Umsetzung beziehungsweise Fertigstellung des Projekts entgegenstehen.
Die Antwort des Senats:
„Dem Senat liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.“
Der Bezirk ergänzte, verwaltungspraktische Grundsätze stünden der Fertigstellung nicht entgegen.
Schriftliche Anfrage XIV – 19/26037
Gerade für die Erklärung mit „Finanzierungsschwierigkeiten“ ist das bemerkenswert:
Auf die ausdrückliche parlamentarische Frage nach wirtschaftlichen Hindernissen wurde keine konkrete Finanzierungshürde genannt.
Auch die 15. Anfrage bestätigt im Juli 2026, dass die Baugenehmigung weiterhin gültig war.
Schriftliche Anfrage XV – 19/26514
15 Anfragen – aber keine durchgehende Erklärung „Finanzierung + Hochkomplexität“
Damit ergibt sich aus vier Jahren parlamentarischer Dokumentation ein bemerkenswertes Gesamtbild.
Senat und Bezirk berichten über statische Arbeiten, geänderte Bauzeitenpläne, Auftragnehmersuche, Ausschreibungen und Vergaben, ruhend gestellte Verfahren, Verkaufsabsichten, konkrete Baumaßnahmen und sogar behördliche Personalengpässe.
Was sich gerade nicht findet, ist eine durchgehende amtliche Feststellung, wonach konkrete Finanzierungsschwierigkeiten des Steglitzer-Kreisel-Projekts oder dessen „Hochkomplexität“ den jahrelangen Stillstand verursacht hätten.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass es niemals Finanzierungsprobleme oder technische Schwierigkeiten gegeben habe. Das geben die Dokumente nicht her.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer:
Die beiden von Döhnert angeführten Erklärungen sind als durchgängige oder maßgebliche Ursache des jahrelangen Projektverlaufs in der amtlichen Chronologie nicht dokumentiert.
August 2026: Interessenten wollen das Projekt weiterhin „realisieren“
Dann kommt ein neuer, hochaktueller Befund hinzu.
Am 24. August 2026 berichtete die Immobilien Zeitung über die mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Berlin II.
Nach Angaben von Adler-Anwalt Karlheinz Knauthe befindet sich die Adler Group offenbar in Gesprächen mit potenziellen Investoren über einen Verkauf des Hochhauses.
Und dabei fällt ein bemerkenswerter Satz:
Es gebe Interessenten, „die das Projekt realisieren wollen“.
Mehr noch:
Nach Darstellung der Immobilien Zeitung sei inzwischen sogar offen, ob am ursprünglich geplanten Wohnungsbau festgehalten werde. Auch eine Nutzung als Büroturm sei denkbar.
Gleichzeitig bestand die Baugenehmigung weiter. Nach Angaben der Adler-Seite wurde zudem aktuell an Stahlbaustrukturen und Brandschutz gearbeitet.
Diese aktuellen Aussagen erweitern die Perspektive.
Wenn Interessenten das Hochhaus weiterhin „realisieren wollen“ und gleichzeitig unterschiedliche Nutzungen – Wohnungen oder sogar wieder Büros – diskutiert werden, geht es offenbar nicht allein um technische Fragen.
Es geht inzwischen auch darum:
Wer realisiert das Projekt? In welcher Form? Mit welcher Nutzung? Und unter welchen wirtschaftlichen Voraussetzungen?
Damit rückt neben technischen Herausforderungen auch die künftige wirtschaftliche und konzeptionelle Verwertung des Hochhauses in den Mittelpunkt.
Technisch anspruchsvoll – zweifellos. Eine einfache Erklärung des jahrelangen Verlaufs allein mit der technischen Komplexität wird durch diese aktuellen Aussagen jedoch nicht plausibler.
Was passiert mit den verbliebenen Wohnungskäufern?
Auch diese Frage bekommt durch den Bericht der Immobilien Zeitung neue Aktualität.
Die Zeitung berichtet, Politiker vermuteten, Adler wolle die verbliebenen Verträge mit Wohnungskäufern lösen, um potenziellen Investoren ein Projekt ohne alte Verbindlichkeiten präsentieren zu können.
Wichtig: Das ist eine politische Vermutung und keine festgestellte Tatsache.
Doch die Frage ist nachvollziehbar.
Denn auch die Käuferkommunikation des Jahres 2026 zeigt innerhalb weniger Monate unterschiedliche Begründungen dafür, weshalb bestehende Bauträgerverträge nicht mehr erfüllt werden sollen.
Januar 2026: Wirtschaftliche Entwicklungen und gestiegene Baukosten werden als Gründe dafür angeführt, weshalb die Wohnungen nicht mehr fertiggestellt werden könnten.
Mai 2026: Nun werden die finanzielle Situation der Projektgesellschaft und der Adler Group sowie die angekündigte „Abwicklung des gesamten Unternehmens“ angeführt.
Juli 2026: Schließlich ist von einem „ohne Verschulden und selbstverständlich ohne entsprechende Absicht eingetretenen Bauverzug“ die Rede.
Die Zielrichtung bleibt jeweils ähnlich: Erwerbern wird eine einvernehmliche Beendigung ihrer bestehenden Verträge angeboten.
Und wenige Wochen später heißt es vor Gericht wiederum, es gebe Interessenten, die das Projekt „realisieren wollen“.
Daraus folgt noch kein Beweis einer ursprünglichen Täuschungsabsicht.
Aber es entsteht weiterer Erklärungsbedarf.
Auch politisch lautet die Frage weiterhin: Wie geht es mit dem Hochhaus weiter?
Bei der Gerichtsverhandlung am 24. August waren nach Angaben der Immobilien Zeitung Vertreter beziehungsweise Mitarbeiter mehrerer Parteien anwesend.
Die Zeitung berichtet, parteiübergreifend sei darüber diskutiert worden, wie Druck auf Adler aufgebaut werden könne, damit Bewegung in die Sache komme.
Die Grünen-Abgeordnete Tonka Wojahn formulierte ihre Position deutlich:
„Wir haben großes Interesse daran, dass da Wohnungen entstehen. Wir wollen, dass da gebaut wird.“
Die politische Forderung nach Wohnungsbau ist selbstverständlich kein technisches Gutachten.
Sie zeigt aber: Auch die aktuelle politische Debatte dreht sich weiterhin um Realisierung, Nutzung und Investorensuche – nicht um eine behördlich festgestellte technische Unmöglichkeit des Projekts.
Faktencheck: Was bleibt von Peer Döhnerts Erklärung?
Döhnerts Ausgangssatz lässt sich damit differenziert bewerten.
Erstens: Finanzierungsschwierigkeiten, Bauverzögerungen und ein später gescheitertes Projekt beweisen für sich genommen keine anfängliche Täuschungsabsicht. Damit hat Döhnert recht.
Zweitens: Dass konkrete Finanzierungsschwierigkeiten des Steglitzer-Kreisel-Projekts die jahrelange Verzögerung maßgeblich erklären, ist in den ausgewerteten Gerichtsurteilen und 15 parlamentarischen Antworten nicht als durchgängiger Befund dokumentiert.
Drittens: Dass technische Herausforderungen bestanden, ist eindeutig belegt. Ein ebenso eindeutiger Nachweis, dass die „Hochkomplexität“ des Bauvorhabens den jahrelangen Verlauf insgesamt verursacht habe, findet sich dagegen nicht.
Viertens: Noch im August 2026 ist von Interessenten die Rede, die das Projekt „realisieren wollen“, während gleichzeitig sogar unterschiedliche Nutzungsvarianten diskutiert werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Täuschung bewiesen – ja oder nein?
Genau hier greift Döhnerts Replik aus unserer Sicht zu kurz.
Die Frage dieses Faktenchecks lautet nicht:
Beweisen Bauverzögerungen allein eine Täuschungsabsicht?
Natürlich nicht.
Die interessantere Frage lautet:
Wo sind Döhnerts Erklärungen für den tatsächlichen Projektverlauf belegt?
Wenn „Finanzierungsschwierigkeiten“ und ein „hochkomplexes Bauvorhaben“ die jahrelangen Verzögerungen erklären sollen:
Warum wurde das Projekt bereits 2018 detailliert durchgeplant?
Warum wurde 2019 bereits gebaut?
Warum präsentierte Consus selbst nach Eintritt erheblicher Verzögerungen 2020 einen präzisen Fertigstellungsfahrplan bis 2024?
Warum kommunizierte Adler selbst noch Anfang 2024 Wohnungsübergaben Ende 2024 und eine Fertigstellung Anfang 2025?
Warum wurden Genehmigungsverfahren teilweise vom Bauherrn selbst ruhend gestellt?
Warum nennen 15 parlamentarische Antworten zahlreiche konkrete Vorgänge, aber keine über Jahre nachgewiesene Projektfinanzierungslücke als zentrale Ursache?
Warum erklärte der Senat im Mai 2026 auf die ausdrückliche Frage nach wirtschaftlichen Hindernissen, hierzu lägen ihm keine Erkenntnisse vor?
Warum änderten sich die Erklärungen gegenüber Käufern 2026 mehrfach?
Und warum gibt es wenige Wochen vor Döhnerts Replik nach Angaben der Adler-Seite wieder Interessenten, „die das Projekt realisieren wollen“, während gleichzeitig sogar eine Nutzung als Büroturm diskutiert wird? Diese Fragen beweisen keine ursprüngliche Täuschungsabsicht.
Aber sie lassen sich ebenso wenig mit zwei Schlagworten beantworten.
Fazit: Döhnerts Grundsatz stimmt – seine konkrete Erklärung bleibt offen
Peer Döhnert hat mit einem Punkt recht:
Verzögerungen und wirtschaftliche Schwierigkeiten beweisen keine anfängliche Täuschungsabsicht.
Aber genau das ist nicht der Kern dieses Faktenchecks.
Entscheidend ist vielmehr:
Wo ist dokumentiert, dass „Finanzierungsschwierigkeiten“ und ein „hochkomplexes Bauvorhaben“ den tatsächlichen Verlauf des Steglitzer Kreisels seit 2020 hinreichend erklären?
Die dokumentierte Chronologie zeigt kein eindeutiges Bild aus „Finanzierungsschwierigkeiten“ und „Hochkomplexität“, sondern eine Vielzahl technischer, organisatorischer, wirtschaftlicher und unternehmerischer Entwicklungen:
Konkrete Baupläne. Bereits begonnene Arbeiten. Wiederholt genannte Fertigstellungstermine. Technische Einzelprobleme. Ausschreibungen und Auftragnehmersuche. Ruhend gestellte Verfahren. Verkaufsabsichten. Wechselnde Begründungen gegenüber Käufern.
Und im August 2026 erneut Interessenten, die das Projekt nach Angaben der Adler Group „realisieren wollen“ – möglicherweise mit einer anderen Nutzung.
Döhnerts Grundsatz ist richtig. Seine konkrete Erklärung für den Steglitzer Kreisel bleibt jedoch erklärungsbedürftig.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb: Was erklärt den jahrelangen Stillstand tatsächlich?
Weiterführende Dokumentation
Ausgangspunkt dieses Faktenchecks:
Peer Döhnert: „Steglitzer Kreisel: Faktencheck oder Framing?“
Aktuelle Entwicklung vom 24. August 2026:
Immobilien Zeitung: „Adler will Wohnungskäufer vor Verkauf des Steglitzer Kreisels loswerden“
Gerichtliche Auseinandersetzung:
Steglitzer Kreisel: Gericht verpflichtet die Adler Group zum Bauen – doch der Konzern hält sich nicht daran
Chronologie der Projektkommunikation:
Steglitzer Kreisel: 5 Jahre Zusagen, Rückzieher und neue Widersprüche der Adler Group
Vollständige Dokumentation:
Steglitzer Kreisel – die Fallakte
FAQ: Peer Döhnert, Finanzierung und Baukomplexität beim Steglitzer Kreisel
Was sagt Peer Döhnert zum Steglitzer Kreisel?
Döhnert argumentiert in seiner Replik, dass Finanzierungsschwierigkeiten, erhebliche Verzögerungen bei einem hochkomplexen Bauvorhaben oder ein späteres Scheitern nicht dasselbe seien wie der Nachweis einer von Anfang an bestehenden Täuschungsabsicht. Dieser Grundsatz ist zutreffend. Zu prüfen bleibt jedoch, inwieweit die von ihm genannten Ursachen den konkreten Projektverlauf tatsächlich erklären.
Sind Finanzierungsschwierigkeiten beim Steglitzer Kreisel dokumentiert?
Eine schwierige wirtschaftliche Situation der Adler Group ist spätestens 2025 dokumentiert. Die ausgewerteten Gerichtsurteile und parlamentarischen Antworten belegen jedoch keine konkrete Finanzierungsschwierigkeit des Steglitzer-Kreisel-Projekts als durchgängige oder maßgebliche Ursache des seit 2020 bestehenden Stillstands.
Ist der Steglitzer Kreisel ein komplexes Bauvorhaben?
Ja. Die Behörden dokumentieren anspruchsvolle statische und konstruktive Arbeiten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass diese technische Komplexität den gesamten jahrelangen Projektverlauf verursacht hat.
Hat der Berliner Senat wirtschaftliche Hindernisse für die Fertigstellung festgestellt?
In der 14. Schriftlichen Anfrage wurde 2026 ausdrücklich nach rechtlichen, tatsächlichen, wirtschaftlichen und verwaltungspraktischen Hindernissen gefragt. Der Senat antwortete, hierzu lägen ihm keine Erkenntnisse vor.
Gibt es 2026 noch Interessenten für den Steglitzer Kreisel?
Nach Angaben von Adler-Anwalt Karlheinz Knauthe am 24. August 2026 gibt es Gespräche mit Interessenten, die das Projekt „realisieren wollen“. Nähere Angaben zu den Interessenten oder zum Stand der Gespräche wurden laut Immobilien Zeitung zunächst nicht gemacht.
Soll der Steglitzer Kreisel weiterhin als Wohnhochhaus genutzt werden?
Das ist nach den jüngsten Aussagen offenbar offen. Laut Immobilien Zeitung erklärte die Adler-Seite am 24. August 2026, neben dem geplanten Wohnungsbau sei auch eine Nutzung als Büroturm denkbar.
Beweisen die dokumentierten Vorgänge eine Täuschungsabsicht von Anfang an?
Nein. Die ausgewerteten Vorgänge allein erlauben diese Schlussfolgerung nicht. Sie werfen jedoch Fragen nach den tatsächlichen Ursachen des jahrelangen Projektverlaufs auf, die sich nicht allein mit einem pauschalen Hinweis auf Finanzierungsschwierigkeiten und Baukomplexität beantworten lassen.